Große Erfinder werden oft zu bekannten historischen Persönlichkeiten. Bei Bitcoin ist das anders: Satoshi Nakamoto, eine pseudonyme Online-Persönlichkeit, hat die einflussreiche Technologie entwickelt, nur um kurze Zeit später komplett von der Bildfläche zu verschwinden.


Satoshi Nakamotos Verschwinden


2008 geschahen zwei Dinge: Die Welt wurde von einer Finanzkrise erschüttert und eine Person namens Satoshi Nakamoto veröffentlichte ein Whitepaper mit dem Titel "Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System." Soweit wir wissen, gab es zur Veröffentlichung kein Feuerwerk. Es war kein Erdbeben zu spüren. Merkur war nicht rückläufig. Ja, das Whitepaper stieß auf eine eher gedämpfte Resonanz.


Ein Jahr später veröffentlichte Satoshi den Quellcode für Bitcoin und setzte damit eine Reihe von Ereignissen in Gang, durch die Bitcoin das traditionelle Finanzwesen neu definieren würde. Aber dann, nach nur zwei kurzen aktiven Jahren, schrieb der Bitcoin-Erfinder in einer E-Mail, dass er „sich anderen Dingen zugewandt“ hätte. Und das war bis heute das Letzte, was es von ihm zu hören gab.


Man weiß wenig über Nakamoto. Er kommunizierte nur online, schrieb hauptsächlich E-Mails zu technischen Fragen. Die einzigen persönlichen Hinweise zum Bitcoin-Erfinder stammen aus seinem Profil auf der Website der P2P Foundation. Dort heißt es, er wäre ein 45-jähriger Japaner. Aber diese Info erscheint wenig glaubhaft.


Zum einen war Satoshis Englisch einwandfrei. Mehr noch, es offenbarte eine starke Tendenz zur Verwendung britischer Rechtschreibung und Vokabeln. So nutzte er die Worte "flat", "maths", "colour" und sogar typisch britische Ausdrücke wie "bloody hard".


Zum anderen platzierte er im Code des ersten Bitcoin-Blocks eine britische Zeitungsschlagzeile: "The Times 03/Jan/2009 Chancellor on brink of second bailout for banks". Dieser Seitenhieb offenbart nicht nur seine Skepsis gegenüber dem Mainstream-Banking, sondern auch sein Bewusstsein für die Aktivitäten der britischen Regierung.


Ein Schweizer Software-Ingenieur namens Stefan Thomas zweifelte ebenfalls an der japanischen Identität des Bitcoin-Erfinders. Thomas sammelte Zeitstempeldaten für alle Bitcoin-Forenbeiträge von Satoshi und fand heraus, dass fast keiner zwischen 5 Uhr und 11 Uhr Greenwich Mean Time erstellt wurde. Da dieses Muster auch an den Wochenenden erkennbar war, lag für Thomas die Vermutung nahe, dass Nakamoto während dieser Zeit wahrscheinlich schlief. Und das bedeutet, dass er regelmäßig zwischen 14 und 20 Uhr japanischer Zeit schlafen würde. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass der Bitcoin-Erfinder eine Nachteule war, die nach eigenem Zeitplan lebte. Die Analyse der Zeitstempel trägt aber definitiv zu dem Geheimnis bei, wer er war und wo er lebte.


Wer also ist der Erfinder von BTC?


Die kurze Antwort: Keiner weiß es. Selbst mit leistungsfähigen Analysewerkzeugen, die den digitalen Fußabdruck von Satoshis Online-Interaktionen untersuchten, wurde nie ein schlüssiger Beweis gefunden. Trotzdem haben Journalisten, Akademiker und Gesetzgeber immer weiter versucht, den mythischen Mann hinter Bitcoin zu finden. In den letzten zehn Jahren kamen bestimmte Personen infrage. Hier sind sie:


Hal Finney


Hal Finney war ein prominenter Cypherpunk, der für wichtige Prinzipien des digitalen Zeitalters kämpfte: Privatsphäre, Freiheit, Dezentralisierung und finanzielle Autonomie. Er war auch der erste Empfänger einer Bitcoin-Transaktion.


Finney erkannte sofort das wahre Potenzial von Nakamotos Whitepaper. Er bot an, die ersten Münzen zu minen und erhielt die erste Bitcoin-Test-Transaktion von Nakamoto. Schon früh half Finney Satoshi bei der Modifizierung des Bitcoin-Codes in Diskussionen auf BitcoinTalk.


Aber Finneys Verbindungen zu Satoshi gehen weiter als nur die Begeisterung für Bitcoin. Laut einer Analyse des Beratungsunternehmens Juola & Associates und einer stilometrischen Analyse von Satoshis Kommunikation wurde festgestellt, dass Finneys Sprachgebrauch Ähnlichkeiten mit dem vom Erfinder von Bitcoin aufwies.


Aber: Finney bestritt stets, der Bitcoin-Erfinder zu sein und starb 2014 an ALS. Alle Geheimnisse, die Finney über Nakamoto hatte, sind nun mit ihm begraben.


Dorian Satoshi Nakamoto


2014 outete das Magazin Newsweek einen japanisch-amerikanischen Mann namens Dorian Nakamoto als Bitcoin-Erfinder. In einem Artikel wurde behauptet, dass seine liberale Neigungen, seine japanische Herkunft und seine Wohnadresse (die nur zwei Blocks von Hal Finney entfernt war) darauf hindeuteten, dass er der Erfinder von Bitcoin sei.


Von Anfang an bestritt dieser Nakamoto aber, Bitcoin erfunden zu haben. Trotzdem wird sein Bild bis heute verwendet, wenn über Satoshis wahre Identität diskutiert wird.


Nick Szabo


Nick Szabo ist ein Computer-Ingenieur, dessen Projekt Bit Gold aus 2008 viele der grundlegenden Merkmale von Bitcoin bereits innehatte. Und deswegen wird Szabo auch schon lange verdächtigt, der Erfinder der Währung zu sein. Seine Kollegen bei einem frühen Bitcoin-Startup waren erstaunt über sein Wissen und vermuteten, dass er zumindest an der Kernentwicklung von Bitcoin beteiligt war.


Szabo war auch Gegenstand einer linguistischen Analyse, die nahelegte, dass er tatsächlich der Bitcoin-Erfinder ist. Trotz linguistischer Beweise und einer bemerkenswerten Überschneidung an relevanter Arbeitserfahrung und Expertise, bestreitet Szabo konsequent, der Schöpfer von Bitcoin zu sein.


Craig Wright


Craig Wright ist der ums trittenste aller potenziellen Satoshis. Im Jahr 2016 behauptete Wright, der Bitcoin-Erfinder zu sein. Seither hat er jede Menge mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen.


Schon vor seiner Behauptung kursierten Gerüchte um Wright. Ein Wired-Artikel von 2015 vermutete, dass er Nakamoto sei. Der Verdacht entstand wegen eines Kryptowährungspapers auf Wrights Blog und durchgesickerten E-Mails an Anwälte und Steuerbeamte, in denen Wright zugab, "hinter Bitcoin zu stecken."


Wrights Verhängnis war es zu behaupten, Zugang zu den Keys zu haben, mit denen man Bitcoin aus dem Genesis-Block bewegen kann. Der Genesis-Block ist der erste Block, der jemals von Nakamoto gemined wurde und zu dem niemand außer ihm Zugang haben kann. Bis heute hat Wright sein Genesis-Block-Versprechen nie eingelöst und Nakamotos Identität bleibt unbestätigt.


Wozu die ganze Anonymität?


Nakamotos Verschwinden könnte mehrere Beweggründe haben. Der erste: Die minimale Interaktion in den frühesten Stadien der Entwicklung von Bitcoin stellte sicher, dass die Kryptowährung neutral und unbeeinflusst von der Bitcoin-Erfinder-Persönlichkeit blieb.


Heute ist Bitcoin bekannt und zieht eine große mediale Aufmerksamkeit auf sich. Aber das war nicht immer so. Zu der Zeit, als Satoshi sich aus dem Projekt zurückzog, hatte Bitcoin einen Preis von etwa 1 Dollar pro Coin und war nur wenigen Menschen bekannt. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber die Möglichkeit besteht, dass Nakamoto einfach das Interesse an Bitcoin verloren hat – und das riesige finanzielle Potential der Kryptowährung nicht erkannte.


Nakamotos eigene Bitcoin-Wallet ist bis heute unangetastet. Sie verfügt über ein Guthaben, das ihn zu einem der reichsten Menschen der Welt machen würde. Vielleicht ist er ein Individuum mit einem moralischen Kompass, wie er im kapitalistischen System selten vorkommt. Oder der Bitcoin-Erfinder hat nur sein Passwort vergessen. So oder so, es scheint unwahrscheinlich, dass wir es jemals erfahren werden.


Die Diskussion über Nakamotos Identität wird sich weiterhin zwischen Fakten und fantasievoller Fiktion bewegen. Aber eine Sache ist sicher: Bitcoin hat eine eigene Kraft entwickelt, die unabhängig von seinem mysteriösen Schöpfer nach vorne prescht. Ganz egal, ob Nakamoto identifiziert wird oder nicht: Bitcoin wird auch weiterhin die Finanzwelt von morgen mitgestalten.